Karate und Pazifismus – geht das?

Karate und Pazifismus - geht das?

Kampfkunst sollte des lieben Friedens wegen nicht mit Politik vermischt werden. Doch passen Karate und Pazifismus eigentlich zusammen?

Viele Menschen, auch Kampfkünstler, bezeichnen sich ganz selbstverständlich als Pazifisten. Das wirft die Frage auf, ob dies nicht in krassem Widerspruch dazu steht, sich oder andere im Notfall mit physischer Gewalt zu verteidigen.

Was ist Pazifismus?

Eine eindeutige Definition des Begriffs Pazifismus gibt es offenbar nicht.

Bei Wikipadia heißt es, der Pazifismus sei „im weitesten Sinne eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen. Eine strenge Position lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und tritt für Gewaltlosigkeit ein.“

Auch in einem lesenswerten Artikel der ZEIT (Kein Krieg. Nie und nirgends?) wird zwischen verschiedenen Ausprägungen differenziert.

Genau genommen müssten Friedensfreunde präzisieren, ob sie Gesinnungs-, Rechts-, politische, bürgerliche, revolutionäre, anarchistische, radikale, religiöse oder sonstige Pazifisten sind.

Es ist davon auszugehen, dass die Wenigsten sich je Gedanken darüber machen, wo sie sich verorten, geschweige denn, was ihre Einstellung in letzter Konsequenz für eine Tragweite hat.

Um nicht im Dickicht der Möglichkeiten verloren zu gehen, nehmen wir eine Eingrenzung vor.

Karate und Pazifismus

Der Kontext des Karate ist die zivile, unbewaffnete Selbst-Verteidigung.

Pazifismus dagegen bewegt sich in einem viel größeren Spannungsfeld von Krieg und Frieden, sowie ganz allgemeiner Gewalt und Gewaltlosigkeit.

Um diesen Beitrag nicht ausufern zu lassen, beschränken wir uns darum auf den zivilen Alltag, also den Ort, an dem das Karate üblicherweise anzutreffen ist.

Hier wird es nun spannend, wenn im bereits zitierten Wikipedia zu lesen ist: „Eine strenge Position lehnt jede Form der Gewaltanwendung kategorisch ab und tritt für Gewaltlosigkeit ein.“

Ein strikter Pazifist ist also jemand der jede Form der Gewalt unter allen Umständen und zu jeder Zeit ablehnt. Eben kategorisch, bedingungslos!

Inwieweit dies zur Lebens-Wirklichkeit passt und mit Karate vereinbar ist, möge jeder für sich selbst beantworten. Als kleine Gedankenstütze stelle man sich vor, die Ehefrau oder Tochter würde direkt vor den eigenen Augen vergewaltigt. Eine Mutter wird, egal wie pazifistisch sie ist, ohne zu zögern bis zum Tod kämpfen, sollte jemand ihr das Baby gewaltsam entreißen wollen.

Wir erinnern uns: zu jeder Zeit und unter allen Umständen…

Verteidigung statt Pazifismus

Ein Gegenmodell zum rigorosen Pazifismus ist eine Philosophie der Verteidigung.

Wer auf diese baut, kann ebenso für Frieden einstehen, deeskalieren und auf Diplomatie setzen. Anders als bei einer bedingungslosen Ablehnung jeder Gewalt bleibt aber die Hintertür, eben diese notfalls anzuwenden, um großes Unrecht abzuwehren oder einzudämmen.

Auch dürfte die abschreckende Wirkung von Stärke und Kampfbereitschaft erheblich mehr zum Frieden beitragen als Wehrlosigkeit und totale Friedfertigkeit.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben,
wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
 – Wilhelm Tell IV, 3. (Tell)

So oder so ist Karate eine rein defensive Kunst, die im „Karate ni sente nashi“ – „Im Karate gibt es keinen ersten Angriff“ – ihren Ausdruck findet. Damit dürfte sie zu 99% mit der ethischen Grundhaltung des Pazifismus übereinstimmen.

Viele Grüße,

Olliwaa

P.s.: Interessante Artikel zum Thema Pazifismus:

CICERO: Die Doppelmoral des deutschen Pazifismus
ZEIT: Kein Krieg. Nie und nirgends?
WELT: Käßmanns Pazifismus ist vor allem eines – nicht christlich

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