Waldkarate

8 Gründe, warum es nichts Besseres gibt, als im Wald Karate zu trainieren.

Grund #1 – Öffnungszeiten

Der Wald als Dojo hat dauerhaft geöffnet. 24 Stunden täglich, solange das Leben reicht. Vorausgesetzt, die grüne Oase fällt keiner Planierraupe zum Opfer.

Grund #2 – Mitgliedsgebühr

Der Wald verlangt eine monatliche Mitgliedsgebühr von sage-und-schreibe Null Euro (nimmt aber auch Dollar und Renminbi, soweit mir bekannt).

Grund # 3 – Verbundenheit 

Selten ist man der Natur so nahe und kann eine intensivere Verbundenheit mit Mutter Erde spüren, als in einem Wald. Darüber hinaus wirkt das Gehölz beruhigend und tut einfach der Seele gut. Fun-fact: In Japan, dem Ursprungsland des Karate gibt es sogar einen medizinischen Forschungs-Zweig für Waldmedizin. Shinrin-yoku, das Waldbaden (NDR: Wissenswertes rund um die Heilkraft des Waldes).

Grund #4 – Untergründe

Im Gegensatz zu einer schnöden Turnhalle ist der Boden hier uneben, rau, glatt, rutschig, matschig, hart, weich, pieksig, hügelig, eben, Laub-bedeckt, steinig, von Ästen gesäumt. Das verlangt einerseits mehr Aufmerksamkeit, um Verletzungen vorzubeugen. Andererseits ist es genau das, was den Wald als Übungsstätte so wertvoll macht. Es schult die Sinne, kräftigt die Muskulatur, härtet ab, ist Perfekt für die Balance und bietet Abwechslung ohne Ende. Schon einmal versucht, Gohon Kumite rückwärts einen Hügel hinauf zu machen oder eine Kata auf einem umgekippten Baum?

Untergründe
Herausfordernde Untergründe

Grund # 5 – Jahreszeiten

Der Wald ist zu jeder Jahreszeit eine Freude und Herausforderung. Im Winter liebe ich das kalte Morgentraining (Kangeiko). An dieser Stelle zitiere ich eine Aikido-Schule (Yoshinkan) aus München: „Kangeiko (寒稽古), ist bei japanischen Kampfsportarten seit jeher ein mehrtägiges Wintertraining. Durch die Konfrontation mit Kälte sollen Wille, Geist und Körper gestärkt und eine Konzentration auf das Wesentliche erreicht werden.“

Grund #6 – Wetter und Tageszeiten

In einer Sporthalle ist es warm, trocken, hell und gemütlich. Und darum langweilig. Ein hoher Tritt bei geringen Temperaturen, nassen Blättern und fiesen Stolperästen unter den Füßen, fühlt sich gleich ganz anders an, und verlangt anderes von einem ab, als ein beheiztes Sport-Wohnzimmer. Der Balanceakt auf dem trockenen Baumstamm wird gesteigert, wenn dieser durch den letzten Regen glitschig geworden ist. Die allgemeine Stimmung des Karatetrainings wandelt sich mit Witterung und Tageszeit und bietet darum sehr interessante neue Erkenntnisse.

Kata Gankaku
Naturverbundenheit beim Kata-Training

Grund #7 – Trainingsgeräte

Ein ordentlicher Qualitätswald bietet eine Fülle an natürlichen Trainings-Geräten. Mein Favorit sind umgestürzte Bäume. Auf denen lässt sich prima balancieren (und ausrutschen), Kata üben, drüber hüpfen, springen, treten, Liegestütze uvm. machen. Zu zweit darauf kämpfen macht ebenso Spaß.

Äste werden zu Schwertern, Sitzbänke zu Steppern, unebene Flächen zu Kata und Kihon-Herausforderungen.

Grund #8 – Trainingsideen

Im Wald sind ganz andere Trainingsansätze möglich, als in einer Sporthalle. Um nur ein Beispiel zu nennen: in unserem Wald liegen viele umgestürzte Bäume und Äste herum. Einer ersten Person werden die Augen verbunden. Die zweite Person versucht allein durch Worte und verbale Anleitung Person eins heil durch den Hindernisparkours zu führen. Natürlich mit Karate Techniken! Da braucht es schon ein sehr genaues Timing, klare Ansagen und gute Technikausführung, um unbeschadet über dicke Baumstämme zu kommen und sich nicht zwischen Ästen zu verheddern.

Blindekuh
Training mit verbundenen Augen

Grund #9 (Bonus) – Fotokulisse

Als kleines Sahnehäubchen eignet sich der Wald wunderbar für Film- und Fotoaufnahmen. Das sind nicht nur schöne Erinnerungen an gemeinsame Abenteuer im Freien, sondern auch Möglichkeiten, künstlerische Werke mit außergewöhnlichen Perspektiven zu erschaffen. Ideal für die Vereins-Webseite, Instagram, Facebook und co.

Fazit

Der Wald ist das ideale Dojo. Für mich ist es die Mischung aus Natur, dem wunderschönen und beruhigenden Anblick des Waldes, sowie den schier unendlichen Übungsmöglichkeiten. Training ist allein, zu zweit oder in der Gruppe möglich. Und das kostenlos und zu jeder Jahres- und Tageszeit.

Ich habe as große Glück, einen Wald vor der Haustür zu haben. Das liegt daran, dass ich meinen Wohnort bewusst gewählt habe. Manchmal gehe ich im Karate-Anzug dort trainieren, morgens im Nebel oder bei Sonnenschein; wenn es grau und matschig, warm, kalt, oder eine Mischung aus allem ist. Manchmal lege ich eine spontane Kurzeinheit in Straßenkleidung ein, wenn mir während eines Spaziergangs danach ist.

Balance
Balance ist alles!

Der Wald hilft mir, wenn ich schlechte Laune habe. Nach ein paar Runden Karate im Wald geht es mir IMMER besser. War ich vorher schon gut drauf, könnte ich anschließend Bäume ausreißen…

Der Wald lehrt aber auch Demut. Ich dachte immer, schon vieles ganz gut zu können. Im Wald fällt das Training schwerer, die Balance zu halten ist kein Selbstgänger und es gelingt mir oft nicht. Durch die komplizierten Untergründe habe ich oft Schwierigkeiten, selbst einfachste Techniken korrekt auszuführen. Das kann frustrieren und ich fühle mich dadurch oft wie ein Anfänger.

Der Wald erdet und erinnert mich daran, dass mein Weg gerade erst begonnen hat…

2020, Oliver Schömburg (Olliwaa)

P.s.: Das Wald-Dojo hat übrigens auch während des Corona Lockdowns geöffnet…

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