Ist ja irre: ein Visum für 400 Euro

Ist ja irre: ein Visum für 400 Euro

Spannender als das Reisen selbst sind oft Vorbereitung und Vorfreude. Bei manchen Exkursionen in exotische Gefilde kann es sogar passieren, dass man reisen muss, bevor man reisen kann.

Bei der Zusammenstellung unserer London Tour war klar: meine Frau würde als Chinesin ein UK-Visum benötigen. Das brauchte sie vor Jahren schon einmal, um in Heathrow umsteigen zu dürfen, ohne das Flughafengebäude auch nur für eine Sekunde verlassen zu können.

Dafür liebe ich die Engländer, ihr Sinn für das Spleenige ist unübertroffen.

Haben Sie Mitleid?

Hat man sich im Internet also erst einmal durch-geklickt und die Finger wund gegoogelt, darf man sich einem Pottpuri intelligenter Fragen stellen, die es zur Beantragung des Visums zu beantworten gilt:

  • Sind Sie Terrorist?
  • Waren Sie schon einmal Terrorist?
  • Haben Sie vor, einer terroristischen Vereinigung beizutreten?
  • Unterstützen sie terroristische Vereinigungen?
  • Hegen Sie Sympathien für Terroristen?

Man fragt sich, ob das der berühmte englische Humor ist, oder ob jemand die Formblätter mit den Verhör-Fragen des Secret Intelligence Service (MI6) vertauscht hat. Ersetzt man allerdings ‚Terrorist‘ durch ‚Tourist‘, passt es wieder:

  • Sind Sie Tourist?
  • Waren Sie schon einmal Tourist?
  • Haben Sie vor, einer touristischen Vereinigung beizutreten?
  • Unterstützen Sie touristische Vereinigungen?
  • Hegen Sie Sympathien für Touristen?

Alles „ja“, doch der letzte Punkt sollte eher lauten: Haben Sie Mitleid mit Touristen? In der Tat! Besonders mit denen, die im Hochsommer zu tausenden in den heißen Süden fliegen, um dort für die Aussicht auf Hautkrebs um ein winziges Stück Strandfläche zu kämpfen.

Vorstellungsgespräch

Etwa eine Dreiviertelstunde später wirst Du aufgefordert, per Kreditkarte 167€ zu bezahlen. Einhundert für das Visum und 67€ für eine Agentur Deiner Wahl in Düsseldorf, München oder Berlin. Solche Vermittlungsbüros sind in der Welt der Visums-Industrie nichts Ungewöhnliches.

So haben wir auch gleich auf einer gesonderten Webseite des „Visa Application Center“ ein Nutzerkonto angelegt und den obligatorischen Termin zum persönlichen Vorstellungsgespräch gebucht. In Berlin. Natürlich nicht, ohne zuvor einen Tag Urlaub einzureichen.

Bewaffnet mit Pass und gefühlt drei Kilo Papier – Heiratsurkunde, Wohnbescheinigung, Aufenthaltstitel, Arbeitsverträgen, Verdienstabrechnungen, Konto-Auszügen, Flug- und Hotel-Bestätigung, durfte mein Schatz Tage später noch Fingerabdrücke und ihr süsses Gesicht für ein Foto mitbringen.

Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt…?

…wer hat soviel Pinke-Pinke, wer hat so viel Geld!

Anzunehmen, das Visum würde nach diesem zermürbenden Prozedere endlich erteilt, ist natürlich naiv. Das Abliefern der Evidenzen erhöht zwar die Wahrscheinlichkeit, den begehrten Sticker in den Pass gedrückt zu bekommen. Doch so leicht ist die Eintrittskarte in das Mutterland des Commonwealth nun auch wieder nicht zu bekommen!

So hatten wir dann die Wahl, in drei Wochen, nach eingehender Prüfung der Unterlagen, noch einmal vorbeizuschauen, oder weitere 30€ zu berappen, um den Reisepass per Post zurückgeschickt zu bekommen. Mit oder ohne Visum.

Rechnen wir noch die Bahnfahrt und eine Hotelübernachtung hinzu, hatte das Visum einen stolzen Gesamtpreis von 399€.

Doch tatsächlich, nach bangen Wochen des Wartens kam die Einreiseerlaubnis wirklich an und unserem viertägigen Ausflug stand nichts mehr im Wege!

God save the Queen!

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