André Bertels Karate – eine Rezension

Karate Training with André Bertel Sensei

Das Internet ist voll von Marken-Bewertungen, Produkttests und Geräte-Unboxings. Ziel ist es, Konsumenten zu helfen, durch einen Dschungel von Wahlmöglichkeiten zu navigieren und die einfache Frage zu beantworten: Lohnt sich der Kauf oder nicht?

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In diesem Artikel werde ich dieses Konzept an einem Menschen versuchen. André Bertel ist ein weltbekannter Karate-Meister aus Neuseeland und wir werden sehen, ob es sich lohnt, ihn für internationale Seminare oder ein Privattraining in Japan zu buchen.

Zwei Dinge müssen jedoch gleich klargestellt werden. Es wird ein voreingenommenes Unterfangen sein, da das „Produkt“ mein Freund ist. Zweitens werden meine Leserinnen enttäuscht sein, weil der Auspack-Teil entfällt. Dies bleibt Bertels Frau Mizuho vorbehalten.

Wer zur Hölle ist André Bertel?

Für die zwei Karate-Ka, die ihn noch nicht kennen: André Bertel wurde im Alter von fünf Jahren von seiner Mutter zum Karate gezwungen und hasste es. Erst als er seinen ersten Dan erhielt, begann er Karate zu mögen. Er glaubte, etwas im Leben erreicht zu haben und neue Türen begannen sich zu öffnen. Ansonsten ist er:

  • ein in Neuseeland geborener Shotokan-Karatemeister, der in Oita, Japan, lebt
  • 17-facher neuseeländischer Karate-Meister
  • der einzige Nicht-Japaner, der die Karate-Do-Meisterschaften der Präfektur Kumamoto in der männlichen Einzelkata gewann
  • persönlicher Schüler der JKA-Legende Asai Tetsuhiko Shihan (10.Dan, verstorben 2006)
  • ehemaliger VIP-Bodyguard
  • fleißiger Blogger: https://andrebertel.blogspot.com/
  • jemand, der Karate praktiziert, wie andere Zähne putzen: mehrmals täglich
  • einer der wenigen, die eine große Anzahl von Kata (Standard Shotokan und Asai-ha) in Perfektion beherrschen

André Bertels Karate

Bertel Sensei steht für traditionelles Budo Karate aus Japan. Seine Mission ist, das Erbe seines verstorbenen Lehrers Asai am Leben zu halten. Seiner Meinung nach ist das weltweit praktizierte Karate-Do oft nur noch eine verwässerte Version des Originals, eine rein sportliche Aktivität. Karate sollte stattdessen in einer Weise ausgeübt werden, die einen Samurai-Kampfgeist hervorbringt und eine Selbstverteidigung auch in sehr gefährlichen Situationen ermöglicht.

Was heißt das? Natürlich muss der Einsatz „leerer Hände“ eine minimale Überlebenschance bieten. Der Kampf gegen Gewehr-Kugeln ist sicher zum Scheitern verurteilt, egal wie viel und hart man zuvor trainiert hat.

Wir reden hier über Wahnsinnige auf Drogen oder Leute, deren mentale Sicherung durchgebrannt ist. Vielleicht erinnert sich jemand an den Film „28 Days Later“. Dort hatten sich Menschen in blutrünstige, rennende Zombies verwandelt. Man stelle sich einen oder zwei davon vor, wie sie in die eigene Richtung gerast kommen.

Es ist übertrieben, ja, aber der Punkt ist, dass ein außer Kontrolle geratener Freak-Angriff der Maßstab ist und nicht der freundliche Sparring-Partner im gemütlichen Dojo.

[..] Der Kontext von Karate ist ‚zivile Selbstverteidigung mit leeren Händen‘

[..] Karate ist keine Kunst für Krieger oder Profikämpfer – und war es nie – es ist eher eine Kampfkunst für durchschnittliche Leute, die zuverlässige Fähigkeiten benötigen, um einen Angriff auf der Straße abzuwehren.

André Bertel: „Why ‚CHUDAN‘ so much? A bigger picture
André Bertel sensei arriving at Hamburg Airport for a seminar in Ahrensburg 2016
André Bertel 2016 am Hamburger Flughafen, Ankunft für ein Seminar in Ahrensburg

Kampf und Kampf sind nicht identisch. Im Englischen gibt es mit „Fight“ und „Combat“ eine Unterscheidung, die im Deutschen fehlt. Die erste Variante (Fight) ist für das Dojo, wo klare Regeln herrschen. Die hässliche Straßenvariante (Combat) kennt weder Fairplay noch Moral, dafür jede Menge schmutziger Tricks. Im Training kannst Du Beulen und eine blutige Nase davon tragen. Im richtigen Leben wirst du vergewaltigt, erstochen oder zu Tode geprügelt.

Diese Unterscheidung ist wichtig, um das zugrunde liegende Konzept des Budo Karate zu verstehen. Es zielt darauf ab zu überleben, nicht Pokale zu gewinnen. Selbst im Training gilt:

Jede Technik oder ausgefallene Kata-Anwendung, die nicht im freien Kampf (Kumite) und gegen einen nicht-konformen Partner verwendet werden kann, ist nutzlos.

André Sensei hat sehr üble Situationen als Bodyguard erlebt und kann zugleich auf eine erfolgreiche Turnierkarriere zurückblicken. Er hat beide Seiten gesehen, Sport und Budo, und er schätzt auch beide.

Mit einem Budo-Hintergrund sei es sehr gut möglich, ein erfolgreicher Wettkämpfer zu werden und die sportliche Herausforderung zu genießen. Für jemanden, der sich dagegen nur auf Sport-Karate spezialisiert, ist es schwer, den umgekehrten Weg zu gehen. Bewegungen und Techniken mögen schnell sein und oberflächlich schön aussehen, aber keinen Punkt zu verlieren und kein Leben zu verlieren, sind sehr unterschiedliche Ziele. Dementsprechend hätten die Techniken eines Sport Karate-Ka in der Regel wenig Substanz, um mit einer echten Bedrohung fertig zu werden.

Auf seinem ersten Lehrgang in Ahrensburg stellte Bertel Sensei eine ernüchternde Frage:

Wenn Dich jemand angreift – WIRKLICH angreift – hast Du dann Vertrauen in Dein Karate?

Ich habe Sensei einmal gefragt, wie er zu neuen Trends im Karate steht, etwa der Beigabe von Kyusho Jitsu (Vitalpunkt-Techniken). Seine durchaus diplomatische Antwort: es sei nützlich als Ergänzung und vergleichbar mit einem Scharfschützen. Das Problem sei, dass man sehr präzise sein müsse. Bist Du extremem Stress ausgesetzt und triffst nicht richtig, könnte das für Dich schlimm enden. Angreifer auf Drogen etwa spürten keine Schmerzen und würden Dich weiter traktieren. Budo-Karate dagegen sei wie eine Atombombe. Wenn Du den Gegner weg pustest, können Dir Meridiane herzlich egal sein, irgendeinen triffst Du ohnehin immer.

Wir könnten mit Anekdoten und Geschichten fortfahren, die André Sensei mir anvertraute. Aber ich werde es nicht tun, da es zu persönlich ist. Nur soviel: Karate hat ihm mehrfach das Leben gerettet.

Um dieses Kapitel zusammenzufassen:

Die Essenz des Karate ist Ichi-geki hissatsu – ein Treffer, sicherer Tod.

Das ist André Bertels Karate. Nein, das ist Karate!

Herr Patel aus Neu Delhi

Man könnte jetzt meinen, André Sensei müsse ein unbarmherziger Terminator sein, kombiniert mit John Rambo und Chuck Norris.

Dies könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Meine Frau und ich haben ihn als sehr bescheidenen, höflichen und fürsorglichen Mann kennengelernt, der schlechte Witze liebt, mit Freunden Spaß hat und das Leben genießt. Und er ist ein großartiger Unterhalter. Mit André eine schlechte oder langweilige Zeit zu verbringen, ist technisch unmöglich!

Unvergessen bleiben das Imitieren des Film Anti-Helden Borat oder die Verwandlung von Herrn Bertel in Mr. Patel aus Neu Delhi, bei dessen indischem Englisch wir uns vor Lachen fast in die Hosen gemacht haben. Während einer Autofahrt fing Sensei unvermittelt an, Gangsta-Rap zu singen. Seine Tochter und mein Sohn konnten sich auf dem Rücksitz kaum mehr einkriegen. André liebt Kinder und Kinder lieben ihn.

Außerdem hatte ich die Ehre und das Vergnügen, viele Stunden mit André Sensei bei Wein und Bier politische und philosophische Diskussionen aller Art zu führen oder bis früh morgens über „Gott und die Welt“ zu reden.

Karate Lehrgänge mit André Bertel

Nachdem ich drei Seminare mit André in Ahrensburg organisiert und Workshops in Venedig (Italien), Blackpool (England), Krefeld und Halle/Westfalen besucht habe, kann ich nur sagen: Subarashīdesu!

Es ist eine einzigartige Erfahrung, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Man muss die Elektrizität in der Luft selbst gespürt haben, wenn Sensei seine Peitschenhände (muchiken), kombiniert mit Hüftrotation (koshi no kaiten) und Kompression/Expansion (tai no shinshuku) zu einer explosiven Mischung verbindet. Kein Wunder, dass die Zahl der Teilnehmer stetig steigt. Wir haben mit 30 Leuten angefangen, als Bertel in Europa nahezu unbekannt war. Das nächste Mal zählten wir 60, dann 90, 120, 200… In der Regel reisen Karate-Ka aus ganz Europa an. Das allein spricht Bände.

Es ist möglich, einen Eindruck über YouTube zu bekommen, aber nur live und in Echtzeit wird man verstehen, was hier das Besondere ist.

André Bertel chatting with seminar participants
André Bertel unterhält sich mit Lehrgangs-Teilnehmern

Was Inhalt und Fülle des Gasshuku Lehrstoffs betrifft, so kann der Ratschlag nur lauten: bitte ein Notizheft mitbringen und so viel wie möglich aufschreiben, solange das Gedächtnis noch frisch ist. Es ist wirklich viel Holz und ehrlich gesagt habe ich manches oft erst beim Schneiden der olliwaa YouTube Videos begriffen. Mit einhundert Stunden Film-Material, das sich im Laufe der Zeit angesammelt hat, konnte ich verdauen, was während des Trainings noch zu neu und viel war. Auch die Privat-Einheiten im Wohnzimmer, im Garten, in der U-bahn, bei Starbucks, am Flughafen Check-in, am Ahrensburger Schloss, im Wald und an vielen anderen Orten, waren sehr hilfreich. Für jemanden, dem dieser unfaire Vorteil nicht vergönnt ist, ist es natürlich viel schwerer, die Materie zu durchdringen.

Also nochmals, bitte ausreichend dokumentieren! Das ist übrigens eines von Andrés Erfolgsgeheimnissen. Wann immer er selbst an Lehrgängen teilnimmt, protokolliert er jedes Detail und hat so eine stattliche Bibliothek auf seinem Computer zusammengetragen.

Bertel Senseis Lehrgänge sind anspruchsvolle Kost. Wäre ein Budo-Karate-Buch aus seiner Feder nicht eine nette Ergänzung…?

Privates Training in Japan

André Bertel Sensei lebt in der Stadt Oita auf der Japanischen Südinsel Kyushu. Dort bietet er Unterricht für Einzelpersonen und kleine Gruppen an – ein Traum. In einer eigens reservierten Sporthalle können Gäste nach eigener Wahl jeden beliebigen Aspekt des Karate behandeln. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Dieser Mann ist ein Genie. Frage ihn, warum Du in einer bestimmten Situation immer das Gleichgewicht verlierst – und nachdem er Deine Technik kurz angeschaut hat, wird er Dich bitten, etwas mehr hier und ein wenig dort zu ändern. Manchmal sind es nur Millimeter und Du wandelst Dich vom wackeligen Pudding zum unverrückbaren Felsen.

Olliwaa in Oita, Japan
Olliwaa in Oita, Japan

Ein Besuch des Affenberges von Beppu und ein Foto Shooting in Senseis geheimem Outdoor-Dojo machen die Reise unvergesslich.

Bei Interesse, kann der Maestro per Email erreicht werden, siehe hier.

Fazit

2009 studierte meine Frau Yan die Kata Suishu (Wasserhand) von Asai Sensei. Mit YouTube versuchte sie die Form aus Spaß an der Freude zu lernen. Sie erzählte unserem Freund aus Hongkong davon, der selbst regelmäßiger Schüler von Asai Tetsuhiko war. Er wies sie in Richtung André Bertel. Vielleicht könne er meiner Frau Fragen zur Kata beantworten. Yan kontaktierte André über Facebook und zu ihrer Überraschung antwortete er. Nach vielen Gesprächen fragte mein Schatz, ob er nicht Lust hätte, zu einem Seminar nach Deutschland zu kommen und, noch wichtiger, ihr die Kata beizubringen. Er war interessiert und ein paar Monate später landete er mit seiner Frau Mizuho in Hamburg. Sie blieben drei Wochen und wohnten bei uns. Seit dieser Zeit sind wir enge Freunde.

Es freut mich, dass André Sensei jedes Jahr mehr Fans gewinnt. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen kann ich selbst den Weg des Budo nicht so gehen, wie ich es gerne würde. Trotzdem lernte ich es in China (siehe hier) und durch meinen Mentor André Bertel schätzen. Er öffnete meine Augen und programmierte mich neu. Deshalb werde ich alles tun, um für ihn Werbung zu machen, sei es über YouTube-Videos oder diesen Text hier.

Gleichzeitig darf ich nicht verschweigen, dass Bertel Sensei polarisiert. Seine absolute Kompromisslosigkeit im Karate hat, wie er offen zugibt, viele Brücken abgebrannt. Aber Du weißt bei ihm auch genau, woran Du bist. Und sollte es Dir nicht gefallen, ist dies natürlich Dein gutes Recht. So kommen denn auch einige Leute genau einmal zu ihm und nie wieder. Andere (die meisten) werden zu treuen Schülern, die keine Chance mehr auslassen, ihm erneut zu begegnen.

Selbst seine stärksten Kritiker geben zu, dass Bertel Sensei einer der kenntnisreichsten und fähigsten Karate-Meister der Welt ist.

Sein Alleinstellungsmerkmal ist, dass er Japanische und westliche Mentalitäten gleichermaßen kennt und mühelos zwischen diesen Welten moderieren kann. In seinen Kursen und privat gibt er Einblicke in ein Karate, das in Japan nur hinter verschlossenen Türen stattfindet. Dies, zusammen mit seinem ansteckenden Humor, einem nahbaren und bescheidenen Charakter, sind die Zutaten für seine globale Popularität.

Dojo is where sensei is: Hamburg beach
Dojo ist, wo Sensei ist: Am Elbstrand von Hamburg

Nicht alle werden sich für Budo Karate erwärmen oder akzeptieren, dass es eine ganz andere Denkweise verlangt als Sport-Karate. Doch, wer an ehrlichem Karate interessiert ist und einen kompetenten Lehrer sucht, liegt bei André Bertel goldrichtig.

Darum ***** (5 Sterne) von

Oliver Schömburg (Olliwaa)

P.s.: Der englische Originaltext erschien am 19.03.2018 bei olliwaa.com.

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